Das Phänomen Angst

Seit Februar 2020 versetzen der SARS-CoV-19 Virus und seine Folgen viele Menschen und auch Regierungen in Angst und Schrecken. Andere Personen und Regierungen wiederum zeigen weder Angst noch Respekt vor dem Virus. Politiker hierzulande neigen dazu, ihre in der Corona-Situation getroffenen Maßnahmen durch Angstbilder zu begründen oder zu legitimieren. Dagegen richten sich wiederum Demonstranten, die sich durch diese Maßnahmen ungerechtfertigt in ihrer Freiheit eingeschränkt sehen.

Angst scheint also ein vielschichtiges und eigenartiges Phänomen zu sein. Der eine hat sie mehr, der andere weniger. Die eine hat sie so, die andere in ganz anderer Form.

„Angst liegt nie in den Dingen selbst, sondern darin, wie man sie betrachtet“ (nach Anthony de Mello ). Und da jeder Mensch Dinge aus seiner ganz individuellen Sichtweise mit seinen ganz persönlichen Erfahrungen betrachtet, wäre zu folgern, dass jede Person auch ein unterschiedliches Angstempfinden hat.

Danke liebe Angst

So beginnt Gerald Hüther in seinem neuesten Werk „Wege aus der Angst“ seinen Abschlusssatz zum Kapitel, weshalb die Angst unser wichtigster Wegweiser in die Freiheit ist und resümiert: Wenn wir den Zustand erreicht haben, dass wir uns darüber freuen, dass sich das Leben nicht beherrschen lässt, dann können wir die Vielfalt natürlicher Lebensformen bestaunen und die Unvorhersehbarkeit des Lebens dankbar annehmen.

Es könnte tatsächlich sein, dass Kontrolle und Angst eng miteinander verwoben sind. Hat nicht auch die Politik derzeit Angst, die Kontrolle über die Nachverfolgung der positiv getesteten Corona-Infizierten zu verlieren? Schließlich wird beispielsweise ein willkürlich festgelegter Messwert von 50 Personen pro 100.000 Einwohner genau damit begründet, dass über diesem Grenzwert eine Kontrolle der Ansteckungsketten durch den Öffentlichen Gesundheitsdienst nicht mehr möglich sei. Dass diese Angst nicht real ist, weil auch der Messwert aufgrund der vielen unerkannt infizierten Menschen nicht real ist, steht auf einem ganz anderen Blatt Papier.

Gerald Hüther befasst sich in seinem Buch intensiv mit dem Phänomen Angst. Dieses Buch ist ein Lesetipp für alle, die ein wirkliches Interesse an den tiefer liegenden Ursachen und Wirkungen von Angst haben. Es ist kein Buch zum Überfliegen. Es ist ein Buch mit vielen beeindruckenden Beschreibungen der unterbewussten Abläufe unserer individuellen Aktionen und Reaktionen in unsicheren Zeiten und Situationen. Zudem werden die unbewussten Abläufe von gesellschaftlichen Mustern in Zusammenhang mit Ängsten beleuchtet. Wichtig ist dem Autor, zu unterstreichen, dass Angst im Sinn einer reellen Gefahr per se gesund ist. Diese Angst sei aber von den in unseren Köpfen gebildeten Vorstellungen von Bedrohung und den dadurch ausgelösten Ängsten zu unterscheiden. Diese letztere Form habe ihre Ursachen in dem von Kindheit gelebten Versuch, Inkohärenz (nicht zusammenhängend, nicht verbunden zu sein) zu vermeiden und Koheränz (zusammenhängend, verbunden) zu leben.

Die Botschaft der Angst sei nicht mehr und nicht weniger als: Verändere dein Leben! Der Autor betont, dass jeder Mensch lebenslang die Fähigkeit hat, sein Gehirn umzubauen, denn das menschliche Gehirn ist nicht durch genetische Vorgaben vorprogrammiert. Deshalb können wir uns nicht nur, sondern wir sollten uns sogar ein Leben lang verändern. „Letztlich wissen wir tief im Inneren, dass die andere Seite von Angst Freiheit ist“ (nach Marilyn Ferguson ). Wir benötigen also zunächst die Angst und müssen sie durchschreiten und überwinden, damit wir frei sein und Freiheit genießen können.

Dr. Gerald Hüther: Wege aus der Angst, Vandenhoeck & Ruprecht, 2020

 

1 Kommentare

Kommentare zum Blogartikel

30.11.2020

Carsten Frederik Buchert

...oder wie wir gern sagen: Überwinde Deine #Präventiophobie!
https://youtu.be/t-5xa7CmEK8
;-)

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