Ein Indianer kennt keinen Schmerz – und die Indianerin?

Neulich hatte ich Corona. Es schlug sich nieder in extremen Kopf- und Gliederschmerzen, hohem Fieber und Schwindel. Allerdings wurde mir erst nach zwei Tagen bewusst, dass es Corona war, weil ich dachte, es seien die üblichen mir bereits bekannten Wechseljahresbeschwerden. Gut konditioniert wie ich bin, versuchte ich die Symptome zunächst mit verschiedenen Kräutlein, Kügelchen und Yoga in den Griff zu bekommen. Erst am zweiten Tag kam ich darauf, einen Schnelltest zu machen. Das positive Ergebnis berechtigte mich endlich dazu, mich ins Bett zu legen.

Wäre der Test negativ gewesen, hätte ich mich dazu gezwungen, weiter zu funktionieren. Aber warum um alles in der Welt? Wiegen die einen Symptome schwerer als die anderen, weil sie einen anderen Ursprung haben? Offenbar ist es gesellschaftskonform, dass Frauen halt mit Wechseljahresbeschwerden zu leben haben. Genauso wie mit Menstruationsbeschwerden. Und damit leben heißt in diesem Fall: Wir tun einfach so, als gäbe es sie nicht und funktionieren weiter, als hätten wir es nicht. Muss man halt durch. Ist eben so. Euer Ernst???

Perfekte soziale Konditionierung

Ich möchte gerne beleuchten, wie sinnvoll es generell ist, Schmerzen auszuhalten. Vor allem Frauen können sich hier auf eine über Jahrhunderte gewachsene perfideste, zum Teil religiös begründete, soziologische Konditionierung stützen.

Auch wir selbst norden unsere Töchter gut ein, wenn sie in das Alter kommen, in dem sie sich einmal im Monat weinend auf dem Sofa winden, sich vor Schmerzen erbrechen und in der Schule aus den Latschen kippen, weil der Kreislauf abrauscht. Tja, das Leben ist kein Ponyhof. Wir versorgen die Töchter mit Wärmflaschen, Schokolade und Trost. Wir geben vielleicht eine halbe (!) Schmerztablette und Tipps zur Entspannung. Wir vermitteln im besten Falle Wissen um den körperlichen Vorgang an sich (das hilft angeblich) und schicken sie dann trotzdem in die Schule zur Mathe-Klausur, weil das ist halt so, muss man sich dran gewöhnen.

Ein kurzer Ausflug in die Geburtshilfe fordert noch schlimmere Verhaltensweisen zutage: Den Satz „Wenn Sie jetzt schon so schreien, wird das hier nichts“ würde ich eigentlich in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts einsortieren. Dass dieser Satz weiterhin fällt und während der Geburt noch viel mehr passiert, was definitiv nur als ungeheuerlich zu bezeichnen ist, wird mittlerweile unter dem Begriff „geburtshilfliche Gewalt“ zusammengefasst. Rund 40 bis 50% der gebärenden Frauen sind davon betroffen. Erst seit ca. 10 Jahren wird offen darüber gesprochen. Seit 2014 ist es ein Schwerpunktthema der WHO.

Auch hier frage ich mich, warum das als normal erachtet und offenbar jahrhundertelang hingenommen wurde.

Wir kennen die Sprüche unserer Mütter und Großmütter: Zähne zusammenbeißen, Unkraut vergeht nicht, was nicht tötet, härtet ab. Man ist ja schließlich aus ganz anderem Holz geschnitzt. Das bisschen Rückenschmerzen, das komische Herzflattern, der bellende Husten, ach was, bis du heiratest, ist alles wieder gut. Haben wir doch schon ganz andere Sachen überlebt. Den Krieg zum Beispiel.

Nein, Mädels, es ist Zeit, diese Sprüche in die Tonne zu kloppen und sie auch zu den Töchtern nicht mehr zu sagen.

„Woman on Fire“

Während die Töchter sich also – von uns gut eingenordet - daran gewöhnen, was ihnen in den nächsten dreißig Jahren blüht, machen wir selbst ganz neue Erfahrungen. Herr Doktor, mir wird schwindlig. Mir ist ich weiß nicht wie. Vielleicht freuen wir uns für einen Moment darüber, dass das monatliche Übel nun endlich ein Ende hat. Kurz darauf entdecken wir allerdings den Haken. Eventuell geht es damit los, dass der Blutverlust bei der unregelmäßig werdenden Menstruation erschreckende Ausmaße annimmt. Naja. Im schlimmsten Fall wird man halt im Krankenhaus ein paar Tage an den Tropf gehängt. Ist halt so. Nichts Ungewöhnliches, muss man durch. Sie ahnen vielleicht, worauf ich hinaus will. Ich mach’s mal kurz:

Man entwickelt Symptome, von denen man – teilweise - gehört hat, deren Heftigkeit einen dann aber doch erstaunt und die einen definitiv körperlich und psychisch einschränken. Seien es Schlafstörungen, eingeschränkte Beweglichkeit, Gliederschmerzen, Hitzewallungen, Herzrasen, Migräne, Haarausfall oder Depressionen. Im besten Fall alles zusammen. Von den verschiedensten Ärztinnen und Ärzten wird man dann mit der Aussage „Ha, das sind halt die Wechseljahre“ abgespeist. Davon wird das Herzrasen leider nicht besser, die Hitzewallungen und Schweißausbrüche nicht weniger und die Migräne geht von dieser Aussage auch nicht weg. Im Grunde wird signalisiert, dass man das halt heroisch zu ertragen hat, bis der Körper vor lauter Osteoporose zerbröselt. Echt jetzt? Es gibt Viagra aber keine Behandlung in den Wechseljahren? Vielleicht liegt es ja auch daran, dass die Menschen früher gar nicht so alt geworden sind. Wenn Frauen in die Wechseljahre kamen (falls sie es nach 12 bis 14 Geburten überhaupt bis dahin geschafft hatten), waren sie tatsächlich körperlich so verbraucht, dass sie sich aufs Altenteil zurückziehen mussten. Meine Generation allerdings steht voll im Berufsleben, hat pubertierende Gören und wird im Schnitt 83 Jahre alt werden. Wir werden arbeiten müssen bis wir 67 sind, und das könnte rein physisch gesehen zum Problem werden.

Eine Kollegin, der ich mein Leid klagte, lieh mir schließlich das Sachbuch „Woman on Fire“ von Dr. med. Sheila de Liz, erschienen 2020. Das Sachbuch ist seit sage und schreibe 96 Wochen auf der Spiegel-Bestseller-Liste. Die Autorin, Jahrgang 1969, ist Gynäkologin mit einer eigenen Praxis in Wiesbaden. Ich hätte als erstes das Vorwort lesen sollen, denn hier warnt de Liz „In diesem Buch offenbare ich dir viele Geheimnisse aus der Medizin, die vielleicht im krassen Gegensatz zu dem stehen, was du bisher glaubtest, über die Wechseljahre zu wissen.“ Leider überflog ich das Buch zunächst nur und blieb bei dem Kapitel mit dem Titel „Through the Desert On a Horse With No Name“ hängen, das mich quasi in Panik versetzte. Ich stand unter Schock und musste erst mal mit der Gynäkologin meines Vertrauens telefonieren. Nach eingehender Beratung war ich anschließend in der Lage, das Buch noch einmal gründlicher und reflektierter zu lesen.

In jedem Fall: Es steht unglaublich viel drin, von dem ich nicht mal wusste, dass ich es wissen sollte. Allein dafür gibt es eine ganz klare Leseempfehlung für Frauen, die nicht einfach alles so hinnehmen wollen, weil es halt so ist, sondern die die kommenden Lebensphasen aktiv gestalten wollen. De Liz schreibt dazu „Für deinen nächsten Lebensabschnitt brauchst du einen konkreten Plan, der auf dich abgestimmt ist, nachvollziehbar ist und funktioniert! Wenn du alles richtig machst, wird dein sechzigjähriges Ich sich bei deinem jetzigen Ich bedanken.“

Hormone – ernsthaft?

Das Buch, das man natürlich von vorne bis hinten durchlesen aber auch gut zum Nachschlagen verwenden kann, ist übersichtlich aufgebaut und klärt verständlich, extrem gründlich und unterhaltsam über die Prä-, Peri- und Postmenopause auf. Es gibt kleine Abschnitte, die sich „In a Nutshell“ nennen und in denen die wichtigsten Fakten der Kapitel zusammengefasst werden, sowie „Good-to-know“-Kästchen mit Highlights. Die Kapitel sind größtenteils nach Songs benannt, was wirklich Spaß macht (außer beim oben erwähnten Kapitel). Die Wirkung der drei Hormone Östrogen, Progesteron und Testosteron, um die es in den Wechseljahren geht, beschreibt de Liz anhand der Charaktere der drei Protagonistinnen aus dem Film „Charlie‘ Angels“.

Um es kurz zu machen: de Liz plädiert ganz klar für eine Hormonersatztherapie mit bioidentischen Hormonen. „OH MEIN GOTT!!!“ schreien wir jetzt mal kurz alle gemeinsam, „Wir werden alle an Brustkrebs sterben!!!“. Nachdem wir die übliche Panikattacke zu dem Thema hinter uns gebracht haben, sind wir hoffentlich in der Lage, den gründlichen Ausführungen de Liz‘ im Kapitel „The Ghost in the Machine – Brustkrebs und Hormone“ zu folgen. Sie beleuchtet hier, wie die Studie WHI-1 (=Women’s Health Initiative), veröffentlicht 1994, die die Grundlage dieses Vorurteils ist, eingeordnet und bewertet werden sollte. Das Ergebnis der Studie war niederschmetternd und beinhaltete eine Erhöhung der Gefahr, an Herzinfarkt, Schlaganfall, Thrombose und Brustkrebs zu erkranken. Der Schock über die erste Studie saß so tief, dass die zweite Studie – WHI-2, veröffentlicht 2004 – gar nicht mehr richtig wahrgenommen wurde. Diese zeigte im Grunde das genaue Gegenteil, nämlich eine Verringerung des Risikos von koronaren Herzerkrankungen, Schlaganfall, Brust- und Darmkrebs, Knochenbrüchen und Diabetes.

Was war anders? Die heutigen Präparate enthalten human- und bioidentische Hormone, im Gegensatz zu den synthetischen Produkten der achtziger Jahre. Seltsamerweise rekurrieren aktuell veröffentlichte Artikel in medizinischen Fachzeitschriften weiterhin auf die WHI-1-Studie. Laut de Liz liegt das am schlecht informierten, mangelhaft ausgebildeten Fachpersonal bzw. ins Unreine gesprochen am medizinischen Desinteresse der weiterhin männlich dominierten, wenn überhaupt Forschung an der Menopause.

Wichtig für uns normale Wald- und Wiesenfrauen zu wissen ist: 1. Man MUSS die Symptome der Wechseljahre nicht still leidend ertragen. 2. Man SOLL die Symptome der Wechseljahre nicht still leidend ertragen, denn 3. verursacht der Hormonmangel auf Dauer schwerwiegende gesundheitliche Probleme wie Herz-Kreislauf- und Gefäßerkrankungen, Osteoporose und Demenz. Das haben Sie nicht gewusst? Ich auch nicht.

Daher sollte man sich 4. dringend in fachkundige gynäkologische Behandlung begeben. Wie das aussieht, darüber berichte ich im nächsten Blog-Beitrag, weiterhin mit Frau Dr. de Liz unterm Arm.

2 Kommentare

Kommentare zum Blogartikel

17.08.2022

Monika Holler

Ein Tabuthema bekommt eine Stimme , vielen Dank dafür.
Freue mich schon auf den nächsten Blogeintrag.
14.08.2022

Gabriele Gürler

Ich bin der Empfehlung der Autorin gefolgt und habe "Woman on fire" gelesen- zum Glück, denn mir sind reihenweise Lichter aufgegangen und ich blicke mit Zuversicht auf die kommenden Jahre statt mit Angst...Danke an dieser Stelle!!!

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