Gute Impfkampagnen: Ihr Risiko liegt in ihrem Erfolg

Das Thema Impfen ist durch Corona aktuell hoch im gesellschaftlichen Diskurs. Dabei ist es nicht neu, dass es auch polarisiert: Impfbefürworter und -gegner sind so alt, wie der organisierte Impfschutz selbst. Eine Frage, die mich in dieser Hinsicht beschäftigt ist, was Impfkampagnen leisten können. Ein kommunikativer Blick auf die Geschichte der Pocken- und der Polioschutzimpfung.

Die Geschichte des Impfens ist schon viele Jahrhunderte alt. Der Medizinhistoriker Robert Hütte blickt in seinem Beitrag „Zur Geschichte der Schutzimpfung auf erste waghalsige dokumentierte Pockenschutzprophylaxen aus dem 13. Jahrhundert. Weil sich Medizinerinnen und Mediziner den Pockenschutz gut bezahlen ließen, waren diese in erster Linie dem Adel und Wohlhabendenden vorbehalten; die breite Öffentlichkeit war von diesem Angebot ausgeschlossen. Weniger gefährlich und einer breiten Bevölkerung zugänglich wurde die Pockenschutzimpfung mit der Entdeckung des Landarztes Edward Jenner , der Ende des 18. Jahrhunderts feststellte, dass übertragene Kuhpocken einen weit weniger gefährlichen Impfschutz für den menschlichen Körper bei hoher Wirkung leisten, als die vormals von Mensch zu Mensch verwendeten Pockenexkrementen.

1798 veröffentlichte Jenner seine Erkenntnisse - die Vakzination war erfunden und die Pockenschutzimpfung nahm ihren positiven Lauf. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der Engländer auf die Patentierung seiner Entdeckung verzichtete und in zahlreichen Ländern die Impfung bezahlbar machte und dafür breite Unterstützung fand. Doch die Impfung wurde nicht durchweg begrüßt. Gegner der Vakzination kritisierten vor allem, dass es sich um einen tierischen Stoff handele, der Menschen verabreicht werden sollte. Die Kirchen sahen einen Eingriff in die gottgegebene Natur.

Die Einführung der Impfpflicht im 19. Jahrhundert

Die Impferfolge und ein bezahlbares Impfangebot reichten indes nicht aus, breitere Bevölkerungsgruppen zu überzeugen. So führte 1807 Bayern eine Impfpflicht gegen Pocken ein, wie in der Augsburger Allgemeinen nachzulesen ist. Eltern wurden gegen Androhung erheblicher Strafzahlungen verpflichtet, ihre Kinder impfen zu lassen. Im Deutschen Reich wurde 1874 mit dem Reichsimpfgesetz die Impfpflicht im deutschsprachigen Raum weiter ausgebaut mit der Folge, dass sich Kritiker weiter formierten. Die „…Auseinandersetzung um das Verhältnis von Grundrechten und Allgemeinwohl…“  prägt die Diskussion von Impfbefürwortern und -gegnern bis heute ( Malte Thießen in „Der Spiegel“ ). Waren die Maßnahmen erfolgreich? Grundsätzlich ja, aber es sollte noch über ein Jahrhundert dauern, bis die Pocken 1980 offiziell von der WHO für ausgerottet und dies zum Meilenstein in der Medizin erklärt wurde.

„Schluckimpfung ist süß, Kinderlähmung ist grausam“

Die Kinderlähmung ( Poliomyelitis ) wütete in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts vor allem in den USA aber auch weltweit. Im Jahr 1952 wurden in Westdeutschland fast 10.000 Erkrankungen und knapp 800 Todesfälle gezählt und noch 1961 starben knapp dreihundert Menschen ( Bundesarchiv, Kalter Krieg um Polio-Impfstoff ) an der Viruserkrankung und viele Tausende trugen Lähmungen davon. Der große Impfdurchbruch gegen Polio gelang in Deutschland erst 1962, als die Polio-Schluckimpfung eingeführt wurde. Der Impfstoff konnte so deutlich einfacher und auch günstiger verabreicht werden.

Die Polio-Schluckimpfung gilt als Beispiel für erfolgreiche Impfkampagnen schlechthin. Ich selbst erinnere mich noch gut an die Werbespots im Fernsehen mit dem eingängigen Slogan: „Schluckimpfung ist süß - Kinderlähmung ist grausam.“ Und ich erinnere mich auch an den Ausflug in das Gesundheitsamt meiner Heimatstadt Oldenburg, wo wir dem Aufruf zur Impfung via Zuckerwürfel folgten.

Fokus auf Freiwilligkeit und Überzeugungsarbeit

Die beiden Erfolgsfaktoren lagen in der guten Aufklärung mit einfachen Botschaften und der sehr einfachen Handhabung des Impfvorgangs an sich. Mit einer bislang einmaligen Kampagne wurde die Impfbereitschaft in Deutschland massiv gesteigert. Der Erfolg war enorm: Innerhalb eines Jahres konnte die Anzahl der Neuerkrankungen (Inzidenz) um 90 Prozent gesenkt werden. ( Polio Initiative Europa e.V., Newsletter März 2012 )

So wurde der bislang nach Erhebungen des Niedersächsischen Landesgesundheitsamts der letzte Poliofall in Deutschland 1990 gezählt. Das Impfangebot besteht aber nach wie vor, weil die Kinderlähmung weltweit noch nicht als ausgerottet gilt. Mit der Weiterentwicklung des Impfstoffes wird dieser seit 1998 aber subkutan im Rahmen des Impfplans der Ständigen Impfkommission (STIKO) verabreicht.

Impfkampagnen: Das Risiko sind Impffehler und ihr Erfolg

Die Polioimpfung gilt zwar als Erfolgsbeispiel positiver Impfkampagnen schlechthin. Dabei hatte auch sie mit erheblichen Widerständen zu kämpfen. Einen großen Rückschlag erlebte das Impfprogramm in den USA durch fehlerhaft hergestellte Impfseren durch eines der produzierenden Pharmaunternehmen, wie Berit Uhlmann für die Süddeutsche Zeitung in einem lesenswerten Beitrag vom 6. Januar 2021 darstellt. Nachdem Millionen Menschen in den USA geimpft wurden erkrankten plötzlich mehrere hundert Kinder an Polio und zehn starben an den Folgen der Impfung. Die Ursache, ein unsachgemäß hergestellter Impfstoff, konnte bald identifiziert werden. Der Impfschaden durch die nun eklatant angestiegene Impfskepsis in der Bevölkerung war aber um ein Vielfaches größer; es starben wieder tausende Kinder, die sich mit Virus infizierten.

Aber auch erfolgreiche Impfkampagnen bergen die Gefahr, dass die Impfbereitschaft abnimmt. Weil durch eine hohe Durchimpfungsrate die Wahrscheinlichkeit sinkt, an dem jeweiligen Virus zu erkranken, wird immer mehr Überzeugungsarbeit notwendig, die Bevölkerung vom Impfschutz zu überzeugen; die Krankheitsgefahr gerät in Vergessenheit. So kam es, dass in den 1950er Jahren die in Deutschland totgeglaubten Pocken wieder vereinzelt auftauchten, wie der Historiker Malte Thießen in einem Gastbeitrag für den SPIEGEL Mitte 2020 anführt.

Mit guten Argumenten überzeugen

Dabei ist bekanntlich der kollektive Nutzen von Impfungen nicht von der Hand zu weisen. Denn durch eine Impfung schützt man nicht nur sich selbst, man trägt auch dazu bei, die Ausbreitung des Erregers zu verringern. Davon profitieren nicht zuletzt auch jene Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich aufgrund schwerwiegender Vorerkrankungen schlichtweg nicht impfen lassen können und auf den Schutz ihrer Umgebung angewiesen sind.

Aus meiner Sicht ist es deshalb wichtig, auch auf diese positiven gesellschaftlichen Wirkungen von Impfungen hinzuweisen und Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Methode Holzhammer mag im 19. Jahrhundert die einzige Möglichkeit gewesen sein, vom Sinn und Zweck des Impfens zu überzeugen, spätestens heute haben wir zum Glück andere Mittel und Wege, damit dies gelingt.

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60 Jahre Polio-Massenimpfung: "Kinderlähmung ist grausam, Schluckimpfung ist süß" - SWR2

 

Zur Geschichte der Schutzimpfung | APuZ (bpb.de)

1 Kommentare

Kommentare zum Blogartikel

20.01.2021

Lenker

Sehr treffend geschrieben. Zuerst müssen mögliche Fragen geklärt und informiert werden. Aus diesem Grund sind Diskussionen über Impfpflicht oder Privilegien für Geimpfte in Bezug auf Corona kontraproduktiv, zumal der Impfstoff noch nicht ausreichend zur Verfügung steht.

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