HIV und Corona - Wer spricht noch über Aids?

HIV und Covid - Wer spricht noch über AIDS?

Gelegentlich mache ich urlaubs- oder krankheitsbedingt den Pressespiegel für den BKK Landesverband Bayern. Bei Durchsicht der verschiedenen Quellen geriet ich neulich an einen Artikel mit der für mich kryptischen Überschrift „PreP wird nicht durch eine Corona-Impfung blockiert“. Was bitte ist PreP? Eine schnelle Internet-Recherche klärt auf: PReP ist die Abkürzung von „Prä-Expositions-Prophylaxe“. Es handelt sich um ein HIV-Medikament, das HIV-negative Menschen mit erhöhtem Risiko einnehmen können, um sich vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Die Kosten dafür werden von den Krankenkassen übernommen. So was gibt es? Unglaublich! Die Zukunft hat begonnen und ich habe es verpasst.

Die Pandemie der 80er-Jahre

Ich bin 52 Jahre alt und Covid ist schon die zweite Pandemie, die ich erlebe. In den 80er-Jahren gab es bereits einmal eine Zeit, in der wir uns vor intensivem Kontakt mit unseren Mitmenschen scheuten und intimer Körperkontakt plötzlich gefährlich wurde: Das Schreckgespenst Aids war aufgetaucht. Wie virulent es war, lässt sich vielleicht am besten mit der Tatsache beschreiben, dass wir 1986 als 17-Jährige vier reguläre Unterrichtsstunden zum Thema HI-Virus erhielten. Man vermutete, wir seien auf dem besten Wege, sexuell aktiv zu werden (falls sich jemand wundert: Damals war man etwas später dran) und wollte vorbeugen. Unser Biologielehrer meisterte diese Aufgabe bravourös: Ohne jegliche Moralvorträge erklärte er absolut sachlich, wie das HI-Virus funktioniert, auf welchen Wegen man sich anstecken kann und wie man sich davor schützt. Wer es danach noch nicht kapiert hatte, dem wird die legendäre TV-Aufklärungskampagne der BZgA mit Hella von Sinnen und Ingolf Lück, Stichwort „Tinaaaa, wat kosten die Kondome?“ (1987) auf die Sprünge geholfen haben. Geschickt und humorvoll wurden die Kondome damit aus der peinlichen Schmuddelecke herausgeholt und für alle salonfähig gemacht. Denn innerhalb von wenigen Jahren hatte man erkannt, dass die Krankheit nicht nur eine Gefahr für bestimmte Bevölkerungsgruppen darstellte sondern alle treffen konnte.

Aufklärung versus Panikmache

1986 musste man sich richtig was ausdenken, um die Infos an die Zielgruppen zu bringen. Heute können Heranwachsende z. B. die Website LIEBESLEBEN der BZgA anklicken und sich ganz diskret ohne die neugierigen Blicke von Mama oder der Dorfbibliothekarin informieren.

1981 als eigenständige Krankheit Acquired Immunodeficiency Syndrome = Aids beschrieben, wurde in Deutschland zum ersten Mal 1982 eine Infektion bei einem Menschen diagnostiziert. Innerhalb kürzester Zeit breitete sich die Krankheit rund um den Globus aus. Die Medizin hatte dem zunächst nichts entgegenzusetzen. Die Medien berichteten reißerisch und bezeichneten Aids als „Homoseuche“ und „Schwulenpest“. Die Angst war groß, die Gerüchte zahlreich, und eine Infektion gleichbedeutend mit einem Todesurteil.

Peter Gauweiler, von der Presse als „Hoher Kommissar für Hygiene und Hysterie“ bezeichnet, sorgte 1986 in Bayern dafür, dass ein spezieller Maßnahmenkatalog gegen Aids verabschiedet wurde. Er enthielt u. a. Zwangstests von Prostituierten und „Fixern“. Wer verbeamtet werden wollte, musste einen negativen Aids-Test erbringen. Horst Seehofer wollte gar alle Aids-Infizierten in Heime internieren.

Neue Behandlungsmethoden lassen hoffen

Ab 1987 wurden nach und nach die Medikamente entwickelt, die heutzutage den lebenswichtigen Unterschied zwischen HIV-positiv und Aids-Erkrankung ausmachen. 1996 wurde schließlich die antiretrovirale Kombinationstherapie vorgestellt. Sie ermöglicht HIV-infizierten Menschen ein fast normales Leben mit einer vergleichsweise hohen Lebenserwartung. Das Virus wird durch die Therapie so eingegrenzt, dass es nicht mehr nachweisbar und bei Geschlechtsverkehr nicht ansteckend ist. Auch eine Übertragung von einer schwangeren Frau auf ihren Fötus kann damit verhindert werden. Im Falle einer Covid-Erkrankung ist die Gefahr eines schweren oder tödlichen Verlaufs „nur“ geringfügig höher. ABER: Voraussetzung für all das ist, dass die Infektion mit dem HI-Virus möglichst früh erkannt und therapiert wird.

Eine HIV-Impfung fehlt nach wie vor

Bis heute sind weltweit 36,3 Millionen Menschen an Aids gestorben. Aktuell leben ca. 30 Millionen Menschen mit der Infektion, wovon rund ein Drittel nicht therapiert wird, vor allem in Ländern des Globalen Südens. 2020 haben sich 1,5 Millionen Menschen neu infiziert. Trotzdem gibt es bis heute keine Impfung gegen HIV. Warum? Gegen Corona wurde schließlich innerhalb eines Jahres ein Impfstoff entwickelt, weshalb funktioniert das nicht bei HIV? Die Gründe liegen laut Virologinnen und Virologen zum einen in der Art  des Virus‘, das z. B. eine weit größere Fähigkeit zur Mutation besitzt als das Coronavirus. Zum anderen liegt es am Stigma der Krankheit: Aids steht immer noch für Diskriminierung und Ausgrenzung und ist mit Schuld und Scham behaftet. Vielleicht hat die Krankheit deshalb keine große Lobby, weshalb weniger Geld in die Forschung investiert wird.

Die neue Pandemie wird lt. UNAIDS, dem UN-Programm gegen HIV / Aids, auch die Bekämpfung der alten Pandemie zurückwerfen, denn der Zugang zu Präventionsangeboten, Test- und Behandlungsmöglichkeiten ist erschwert.

Gibt es Lerneffekte?

Gibt es Erkenntnisse aus dem Umgang mit der Aids-Pandemie, die sich auf den Umgang mit der Corona-Pandemie anwenden lassen? Oder besser gefragt: Haben wir etwas gelernt? Ich ertappe mich dabei, wie ich mich innerlich in verschiedenen „Ja aber“-Windungen verliere. Aufklärung hilft – aber die ungebremste Informationsflut, die aktuell aus den qualitativ durchaus sehr unterschiedlichen Kanälen über uns hereinbricht, scheint eher kontraproduktiv zu sein. Der kostenlose, niedrigschwellige Zugang zu Prävention, Tests und Medikamenten hilft, aber in unserer globalisierten Gesellschaft muss das für die gesamte Weltbevölkerung gelten, und nicht nur für die Industrieländer. Gewaltfreie Kommunikation hilft – andere Länder machen es vor und erreichen damit eine Impfquote von über 90 %. Was nicht hilft ist Diskriminierung, Ausgrenzung, Zwang, Drohung, Strafe und die entsprechend militaristische Sprache.

Wahrscheinlich waren alle in den letzten 20 Monaten zumindest einmal in Quarantäne, wurden vom Gesundheitsamt überwacht (ich immerhin von einer wirklich freundlichen Mitarbeiterin) und von unseren Liebsten gemieden. Eine Erfahrung, die bei mir dazu geführt hat, alle Mittel, die bislang zur Eindämmung und Bekämpfung der Covid-Pandemie zur Verfügung stehen, voll auszunutzen, denn ich will keine Angst haben: Impfen, Testen, Maske tragen. Ich bin mittlerweile drei Mal geimpft. Ich teste mich jeden Tag. Ich trage Maske, wo es erforderlich ist. Und so kann ich weiterhin Zeit mit meinen betagten Eltern verbringen, einer Freundin zur Seite stehen, die eine Chemotherapie machen muss, mein neugeborenes Patenkind im Arm halten und Verständnis für diejenigen in meinem Bekannten- und Freundeskreis aufbringen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht impfen lassen können oder wollen. Ich verrate meine eigenen Werte nicht und bleibe Mensch.

Stand: 29. Dezember 2021

1 Kommentare

Kommentare zum Blogartikel

29.12.2021

Claudia Bentele

Vielen Dank für die wertvolle Erinnerung und den Vergleich zur heutigen Pandemie. Ja, wir werden lernen mit Corona zu leben; ohne auszugrenzen, abzustempeln und zu verurteilen. Das macht MUT. Danke!

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