GKV Finanzen
Rasant steigende Ausgaben bei mäßig steigenden Einnahmen – Zur Lage der GKV Finanzen
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) verzeichnete zum Jahreswechsel 2024/ 2025 den höchsten Beitragssprung ihrer Geschichte auf 2,9 Prozentpunkte. Das Jahr 2026 startete mit einem Zusatzbeitrag von 3,37 Prozent. Im laufenden Jahr muss die GKV täglich eine Milliarde Euro an Ausgaben schultern, 365 Milliarden Euro werden es schätzungsweise über das gesamte Jahr gerechnet.
Das sind die Hauptfaktoren für die immer weiter steigenden finanziellen Belastungen in der Gesetzlichen Krankenversicherung:
- Der enorme Anstieg der Leistungsausgaben: Die Gelder, die die Krankenkassen aufbringen müssen, um ihren Versicherten die Behandlungen in niedergelassenen Praxen, für Arzneimittel, im Krankenhaus oder auch für Heil- und Hilfsmittel und weitere Leistungen zu zahlen, stiegen nach den vorläufigen Zahlen des Bundesministeriums für Gesundheit absolut und je Versicherten um 7,9 Prozent. Der enorme Anstieg der Ausgaben hängt vor allem an den Teuerungen im Klinik- und Arzneimittelsektor, die zusammen für 50 Prozent der Ausgaben stehen.
- Schrumpfende Rücklagen: Durch verschiedene gesetzliche Maßnahmen (zuletzt GKV-Finanzstabilisierungsgesetz im Jahr 2022) wurde den Krankenkassen ein Großteil der Rücklagen genommen und die Untergrenze in Schritten abgebaut. Gesetzlich vorgeschrieben ist aktuell eine Mindestrücklage von 20 Prozent einer Monatsausgabe. Doch selbst diesen Wert erreichen viele Krankenkassen aktuell nicht und sind gezwungen, diese über Beitragseinnahmen aufzubauen. Selbst wenn alle Krankenkassen ihre Mindestreserven wieder aufgefüllt haben, reichen die Gelder nicht, um größere Ausgabenschübe durch eigene Reserven aufzufangen.
- Versicherungsfremde Leistungen: Die Gesetzlichen Krankenkassen kommen aktuell nicht nur für Kosten auf, die der Behandlung, Heilung oder Prävention ihrer Versicherten dienen, sondern auch für Ausgaben, die eigentlich in gesamtgesellschaftlicher Verantwortung liegen und durch Steuergelder beglichen werden müssten.
- Ausgaben übersteigen die Einnahmen: Die Einnahmeseite hält mit dieser Entwicklung nicht mehr Schritt. In den letzten Jahren stagniert die wirtschaftliche Entwicklung. Das wirkt direkt auf die umlagefinanzierte Einnahmeseite der GKV.
Weshalb steigen die GKV-Ausgaben im Krankenhausbereich so rapide an?
Der kostenintensivste Bereich in der Gesetzlichen Krankenversicherung ist die Krankenhausversorgung. Hier steigen die Ausgaben nicht nur überdurchschnittlich, sondern auf einem besonders hohen Niveau. Der Krankenhaussektor macht ein Drittel der gesamten Leistungsausgaben der GKV aus. 2025 flossen rund 102 Milliarden Euro in diesen Leistungsbereich – gegenüber dem Vorjahr ein Anstieg von 9,6 Prozent.
Maßgeblich für die Ausgabensteigerungen im Krankenhausbereich sind nach Einschätzung des Bundesministeriums für Gesundheit vorrangig die hohen Steigerungsraten in der Vergütung, wohingegen bei den Fallzahlen eine leicht rückläufige Entwicklung zu beobachten ist. Auch die enormen Steigerungsraten bei den Pflegepersonalkosten mit einem Plus von 14,3 Prozent tragen wesentlich zu Kostensteigerungen im stationären Bereich, aber auch in der ambulanten Behandlungspflege bei. Denn die Tariferhöhungen bei den Gehältern des Pflegepersonals werden von den Klinken 1:1 an die Krankenkassen und somit die Beitragszahlenden weitergeleitet (Pflegepersonalstärkungsgesetz).
Weshalb ist der Arzneimittelbereich ein Kostentreiber in der GKV?
Der zweitstärkste Kostentreiber in der GKV ist nach dem Krankenhausbereich der Arzneimittelbereich. Insbesondere die Ausgaben für patentgeschützte Produkte sorgen für eine große Ausgabenbelastung der GKV. Patentgeschützte Arzneimittel sind Medikamente, die auf einem neuen Wirkstoff aufbauen und dadurch für eine bestimmte Zeit über Exklusivrechte bei der Vermarktung und Preisgestaltung verfügen. Sie stehen für ca. 55 Prozent der GKV-Arzneimittelausgaben, aber nur für 11 Prozent der Verordnungsmengen. Nach Berechnungen des GKV-Spitzenverbandes stiegen die Kosten einer Tagesbehandlung mit neuen Wirkstoffen im Zeitraum 2012 bis 2024 um 176 Prozent! Im Vergleichszeitraum lag die Kostensteigerung von Arzneimitteln mit bekannten Wirkstoffen aber nur bei 44 Prozent.
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Wie kann es sein, dass die GKV für Leistungen aufkommt, für die sie gar nicht zuständig ist?
Belastend für die Gesetzliche Krankenversicherung ist auch, dass sich der Staat in den letzten Jahren zunehmend aus seiner Verantwortung bei gesamtgesellschaftlichen und somit sozialversicherungsfremden Leistungen zurückgezogen hat. In der GKV subsummieren diese unter dem Begriff der “Versicherungsfremden Leistungen”. Dazu zählen zum Beispiel Leistungen der Krankenkassen rund um die Schwangerschaft, das Mutterschaftsgeld oder Krankengeld bei der Betreuung eines kranken Kindes und vieles mehr.
Die versicherungsfremden Leistungen summieren sich auf mittlere zweistellige Milliarden Euro Beträge. Einen besonders großen Anteil daran tragen die Aufwendungen der GKV für die Krankenversicherung von GKV-Versicherten, die Bürgergeld bzw. Grundsicherung beziehen. Jedes Jahr sind dies allein rund zehn Milliarden Euro, die der GKV-Versichertengemeinschaft entgehen.
Wie kann ein weiterer Anstieg der Ausgaben in der GKV gestoppt werden?
Die wichtigsten Punkte aus Sicht des BKK Landesverbandes Bayern:
Es ist eine Rückbesinnung auf eine einnahmeorientierte Ausgabenpolitik notwendig, wie es das Sozialgesetzbuch fünf in § 71 nach dem Grundsatz der Beitragssatzstabilität festgeschrieben hat: In Vergütungsverhandlungen mit Leistungserbringenden ist als Orientierungswert grundsätzlich die Veränderung der Grundlohnsumme zu beachten. Denn die Krankenkassen können maximal das Geld für die Versorgung ausgeben, was sie über die Beiträge von beitragszahlenden Mitgliedern und Unternehmen einnehmen. Übersteigen die Ausgaben die Einnahmen, öffnet sich die Schere einer Finanzierungslücke rasant. So sind 2025 die Einnahmen der GKV um 5,3 Prozent gestiegen, die Ausgaben aber um 7,8 Prozent deutlich stärker.
Wesentlich ist, dass das Geld und insbesondere jeder zusätzliche Euro einer Leistungs- und / oder der Qualitätsverbesserung folgen muss. Kostenintensive Versorgungspakete ohne Patientennutzen, wie Scheininnovationen, die einen nicht vorhandenen Zusatznutzen im Arzneimittelbereich suggerieren, freie Budgets ohne Mengenbegrenzungen für ambulant ärztliche Leistungen (aktuell für Kinder- und Jugendärzte und neu für Hausärzte) müssen stets einen Mehrwert in der Versorgung bringen, wenn sie nicht nur einen zusätzlichen Kostenfaktor in der Gesundheitsversorgung darstellen sollen.
Weiterhin bleibt elementar: Überkapazitäten – insbesondere im stationären Bereich – müssen konsequent abgebaut werden. Denn Deutschland leidet in vielen Bereichen und Regionen unter überversorgten Strukturen, wie viele leere Krankenhausbetten zeigen. Zudem wird in Deutschland zu viel stationär behandelt, was auch ambulant medizinisch machbar wäre.
Der Staat muss bei der Finanzierung versicherungsfremder Leistungen Verantwortung übernehmen: Der GKV gehen jährlich zweistellige Milliarden-Euro-Beträge verloren, weil sie für gesamtgesellschaftliche Aufgaben zur Kasse gebeten wird.
