Kassen-Vielfalt: Weiblich, kämpferisch und zielstrebig für die GKV

Lucie Breitling war eine Kämpferin. Wäre die Süddeutsche in den Jahren nach dem zweiten Weltkrieg nicht so mutig gewesen, gäbe es diesen Blogbeitrag wahrscheinlich nicht. Denn Lucie Breitling rettete nichts weniger als die Vielfalt der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV).

Als Geschäftsführerin des Landesverbandes der Betriebskrankenkassen Württemberg-Baden machte sich Lucie Breitling für die traditionsreiche Kassenart stark und scheute dafür nicht einmal den Gang ins Gefängnis.

Was war geschehen? Die amerikanischen, britischen und voran die französischen Alliierten planten nach 1945 eine Einheitsversicherung von Kranken-, Renten- und Unfallversicherung. Nach dem Muster der Einheitskrankenkasse Berlin, welche die sowjetischen Alliierten schon bald im Osten Deutschlands errichteten, wäre das Aus einer vielfältigen Kassenlandschaft auch im Südwesten der Republik Fakt geworden.

Lucie Breitling wollte nicht, dass ihre Betriebskrankenkassen im Einheitsbrei einer Monopolkasse untergingen. Sie setzte sich äußerst geschickt für ihre Betriebskrankenkassen im Land ein; eine waschechte Verbandslobbyistin eben. Die BKK-Geschäftsführerin taktierte, vermittelte und netzwerkte mit den deutschen Landespolitikern, den anderen Kassenarten, den Besatzungsbehörden und Militärregierungen.

Ende 1945 waren die Pläne der französischen Alliierten zur Vereinheitlichung der Krankenversicherung in Württemberg und Baden allerdings so weit fortgeschritten, dass Lucie Breitling zum Erhalt ihrer Betriebskrankenkassen eine Kampagne startete: Sie verfasste eine Denkschrift mit Argumenten für den Erhalt der BKK, streute diese breit an alle politischen Entscheidungsträger und organisierte Unterschriften und Telegrammaktionen. Bei den französischen Alliierten machte sich Lucie Breitling damit jedoch keine Freude. „Rebellion“ lautete der Vorwurf, der sie monatelang ins Gefängnis bringen sollte.

Es ist wenig über diese mutige Kämpferin öffentlich bekannt. Dieser kurze Beitrag bezieht sich auf Recherchen dreier Historiker1, die die Geschichte der Betriebskrankenkassen anlässlich der 100-Jahr-Feier der BKK Landesverbände Bayern und Baden-Württemberg aufgearbeitet haben. Anzunehmen ist, dass Beharrlichkeit und eine Grundüberzeugung Lucie Breitling stärkten. Es gehörte auf jeden Fall einiges dazu, die Alliierten in den verschiedenen Besatzungszonen von den Vorteilen einer bunten Krankenkassenlandschaft zu überzeugen: Im Juni 1947 war die Einheitskasse vom Tisch, und auch im Südwesten konnten sich wieder Landesverbände der Betriebskrankenkassen etablieren.

Auch in Zeiten der Diskussionen um Wettbewerb in der GKV und Bürgerversicherung eine durchaus aktuelle Geschichte.

Meine Quelle für diesen Blogbeitrag

Nachzulesen ist die für die GKV epochale Geschichte in der sehr lesenswerten Festschrift 1 aus dem Jahr 2008, die im Auftrag der BKK Landesverbände Bayern und Baden-Württemberg entstand. Das bild- und inhaltsreiche Buch ist über den Handel leider nicht verfügbar, aber beim BKK Landesverband Bayern für GKV-Fans einsehbar.

1 B. Eggenkämper / G. Modert / S. Pretzlik, Mit traditionellen Werten die Zukunft gestalten, Die Landesverbände der Betriebskrankenkassen in Baden-Württemberg und Bayern 1908-2008, 208 Seiten, München 2008, ISBN 978-3-00-024381-3.

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