Vertrau mir!

Wie Eltern und Lehrende eine vertrauensvolle Beziehung zu Grundschulkindern aufbauen können

Der 6-jährige Kilian ist ein sehr ehrgeiziger Junge. Seine Fußballmannschaft wird beim Turnier im Hort nur Vorletzter und er bricht in Tränen aus, als sein Vater ihn abholt. Er ist wütend und traurig und schimpft auf den Schiedsrichter. Sein Vater schüttelt ihn ab und sagt spöttisch zum Hort-Team gewandt: „Er führt sich auf wie Rumpelstilzchen – das mit dem Verlieren muss er wohl noch lernen.“ Kilian schämt sich und sagt gar nichts.*

Dieses Beispiel zeigt, dass Erwachsene mitunter unachtsam handeln oder Bemerkungen äußern, die sie selber vielleicht gar nicht so ernst nehmen, die bei Kindern jedoch als Kränkung, Demütigung oder Angriff ankommen. Doch genau auf diesen „feinfühligen“ Umgang kommt es bei Kindern an. Die Ergebnisse der Bindungsforschung zeigen: Ein feinfühliger Umgang mit den kindlichen Bedürfnissen ist der beste Weg, eine sicherheitsgebende Beziehung zum Kind aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Dazu ist es wichtig, dass Kinder sich in ihrem emotionalen Erleben wahrgenommen und verstanden fühlen.

Was bedeutet „Feinfühliges Verhalten“?

Damit ist gemeint, Signale von Kindern wahrzunehmen, sie richtig zu deuten und angemessen darauf zu reagieren. Denn die Kindheit ist das Fundament für das ganze Leben eines jeden Menschen. Kilian wäre mit Trost, Mut und Zuversicht sicherlich mehr geholfen gewesen, als die Bloßstellung durch seinen Vater vor versammelter Mannschaft.

Grundschuljahre sind besonders wichtig

Gerade Grundschuljahre sind voll von wichtigen Entwicklungsschritten. In dieser Zeit entwickelt sich jedes Kind immer mehr zu einer einzigartigen Persönlichkeit. Trotz der zunehmenden Unabhängigkeit und Selbstständigkeit im Denken und Handeln bleibt auch im Grundschulalter die Befriedigung des Bedürfnisses nach emotionaler Sicherheit und Unterstützung existentiell für ihre Entwicklung. In Zeiten, in denen frühe und ganztägige, institutionelle Bildung zunimmt, gewinnen professionelle Bezugspersonen an Bedeutung für Kinder, die einen erheblichen Anteil ihrer Lebenszeit in Bildungseinrichtungen verbringen.

Die Welt mit den Augen des Kindes sehen

Feinfühligkeit setzt voraus, dass das Kind als eigenständige Person mit eigenen Gefühlen, Wünschen, Bedürfnisse und Absichten gesehen und wertgeschätzt wird. Wichtig ist dabei die Bereitschaft, sich in das Kind hineinzuversetzen und sich auf das kindliche Erleben einzulassen. Versucht man, „die Welt mit den Augen des Kindes zu sehen“, dann wird das kindliche Verhalten oft viel verständlicher und auch für die Betreuungspersonen annehmbarer. Kilians Vater könnte auf Augenhöhe mit seinem Sohn sprechen, ihn aufmuntern und ermutigen, dass es beim nächsten Mal sicherlich besser klappen wird. Das gäbe Kilian Selbstvertrauen und Sicherheit.

Feinfühliges Verhalten bedeutet auch, das Verhalten des Kindes nicht vorschnell zu bewerten, sondern dem Kind Raum für eigene Erfahrungen zu geben. Vergleiche mit anderen Kindern und zu viel Kritik sollte man vermeiden. Besser ist es, dem Kind mehr zuzutrauen und es selber nach Lösungswege suchen lassen. Erwachsene sollten das Kind ernst nehmen, aber natürlich trotzdem nicht alles erlauben, nach dem Motto: „Ich nehme alles ernst, aber nicht alles geht.“

Kümmern Sie sich auch um sich selbst

Wichtig ist, dass auch Sie als Betreuungsperson nicht zu kurz kommen. Ja, es ist schwierig neben Kindern, Beruf und Haushalt auch an sich selbst zu denken. Versuchen Sie es, wann immer dies möglich ist. Denn nur wenn Eltern, Pädagogen und Lehrende positiv und nachhaltig gestärkt sind, können sie auch ihre Kinder gut unterstützen. Schaffen Sie sich im Alltag Freiräume, um Ihre Energiereserven wieder aufzutanken. Wechseln Sie sich wenn möglich mit Ihrem/r Partner/in bei der Kinderbetreuung ab oder bitten Sie andere Bezugspersonen, auf Ihr Kind aufzupassen. Überdenken Sie Abläufe und Tagesstrukturen und tauschen Sie sich mit anderen Eltern bzw. Kollegen aus.

Nobody is perfect

Dass das nicht einfach ist und es keinen „Königsweg“ gibt, ist klar. Der Rat für alle Eltern, Pädagogen und Lehrende lautet: Suchen Sie nach dem, was funktioniert. Überlegen Sie, in welchen Situationen es zwischen Ihnen und dem Kind gut geklappt hat. Wie haben Sie das damals genau gemacht? Und wenn etwas funktioniert, machen Sie mehr davon!

 

Bayerische Betriebskrankenkassen untertützen mit Präventionsarbeit

Der BKK Landesverband Bayern unterstützt seit 2016 das Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) im Rahmen der Präventionsarbeit bei der Aufklärung von Eltern, ErzieherInnen und PädagogInnen zu diesem Thema. In Team-Workshops für PägdagogInnen und ErzieherInnen sowie an Elternabenden vermitteln speziell ausgebildete MultiplikatorInnen an praxisnahen Beispielen, alles rund um das Thema Feinfühligkeit und Grenzen-Setzen. Weiter werden die Fachkraft-Kind-Beziehung, Beziehungen zu Gleichaltrigen sowie die Förderung von sozial-emotionalen Kompetenzen im Kindergarten- und Grundschulalter. Außerdem gibt es eine umfangreiche Broschüre, die alles Wichtige zum Thema Feinfühligkeit zusammenfasst. Das Projekt wird von den Betriebskrankenkassen in Bayern finanziert und getragen. Nähere Informationen zum Thema Feinfühligkeit finden Sie im Internet unter https://www.bkk-bayern.de/versicherte/bkk-fuer-familien. Hier können Sie auch die Broschüren herunterladen.

 

*Beispiel entnommen aus Broschüre „Feinfühligkeit von Eltern und PädagogInnen in Schulen und Horten“, Seite 29

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